Siemens AG Bruchsal

Redetext

"Ein Bild ist nicht von vornherein fertig ausgedacht und festgelegt, während man daran arbeitet, verändert es sich in gleichem Maße wie die Gedanken, und wenn es fertig ist, verändert es sich immer weiter, entsprechend der jeweiligen Gemütsverfassung desjenigen, der es gerade betrachtet. Ein Bild lebt sein eigenes Leben wie ein lebendiges Geschöpf, und es unterliegt den gleichen Veränderungen, denen wir im alltäglichen Leben unterworfen sind. Das ist ganz natürlich, da das Bild nur Leben hat durch den Menschen, der es betrachtet."

Dieses Zitat von Pablo Picasso spielt für den Künstler Bernhard Merkert und sein Werk eine Rolle. Es ist eine Geistesverwandschaft im Entstehungsprozess der Bilder und ein Einbeziehen des Betrachters, die ihn anspricht. Durch spontan hingeschriebener Improvisation in Merkerts favorisierten Malmitteln, Acrylfrabe auf Leinwand oder Aquarell auf Papier, darf bereits der Malprozess als ein besonderer Akt künstlerischer Gestaltung gewertet werden. Mit Hilfe schneller, gestischer Malerei erlebt der Künstler eine Art Farbchaos sowie die damit erzeugten Zufälligkeiten und gelangt so zu einer subjektiven Farbharmonie. Widersprüchlichkeiten, Brüche und Unstimmigkeiten in der Bildkomposition gehören für ihn zum wichtigen, spannungsreichen Spektrum und spiegeln auf vielfältige Art und Weise Stimmung und Malgefühl des Künstlers wieder.

Große Themenkomplexe in dieser Ausstellung sind florale Stilleben, Landschaften, Kopfvariationen und Figurationen. Diese kunsthistorisch tradierten Darstellungstopoi werden durch den Künstler neu interpretiert. In oben beschriebener, individueller Eigendynamik entstehen die Bildstrukturen scheinbar spielerisch und es klingen unterbewußte Automatismen an, die eine Auseinandersetzung mit dem Action Painting oder der Lyrischen Abstraktion vermuten lassen.

Keine topographisch-naturalistischen Abbildungen konkreter Örtlichkeiten sind mit Bildern wie "In den Reben" oder "Im Gebirge" gemeint. Vielmehr geht es ihm um eine malerische Umsetzung von Lichtlandschaften, die die Lichtverhältnisse und das Zusammenwirken der vier Elemente Erde, Feuer, Wasser und Luft, eingefangen in einem kurzen Augenblick, wiederspiegeln. So verarbeitet er zum Beispiel in der dreiteiligen Arbeit "Morgen-Mittag-Abend" ein persönliches Naturerlebnis. Mit einem über Nebel aufgehenden, zarten Morgenrot, einer satten, einheitlich hellen Beleuchtung der Landschaft zur Mittagszeit und einem tiefen Abendrot, dem der Dunst vor der Dämmerung folgt, läßt sich für den Betrachter leicht die Stimmung nachvollziehen. Aus dem Interesse für einen bestimmten Naturmoment heraus, entwickelt er die reine Landschaft weiter zu einer Art medidativem Farb- und Lichtraum. Die "Lichtwelten" sind von einer absolut aufgelösten Form geprägt, rein abstrakt werden in transparenter Leichtigkeit die Farben gesetzt. Hier klingt eine kritische Auseinandersetzung mit Mensch und Umwelt an. Himmel und Erde scheinen aus dem Gleichgewicht geraten - oft ist in der Bildkomposition der Horizont im unteren Bilddrittel lediglich angedeutet und unendlich weit erstreckt sich das Himmelsfirmament.

Bernhard Merkert hat Biologie studiert. Als Naturwissenschaftler beschäftigt er sich mit biologisch-chemischen Mikrokosmen, die für das bloße Auge nicht sichtbar sind. So entstehen in seinem Atelier Bilder, die Themen umkreisen wie die Wanderung von geladenen Teilchen zwischen zwei Polen und den Wechsel zwischen den Aggregatzuständen fest, flüssig und gasförmig. "Kleines Energiefeld" oder "Energiefluß" beschreiben diese Metamorphosen mittels fließenden Gelbtönen zwischen den Bildrändern als Plus- und Minus-Pol. Der Bildhintergrund wird meist als kalter, atmosphärischer Bildraum beschrieben, der bedingt durch den Kalt-Warm- und Komplementärkontrast die Oberfläche im Auge des Betrachters zum Flimmern bringt, und so die physikalische Energie allein durch gezieltes Einsetzen der Farbe symbolisiert.

Ein weiteres Thema der "Energiebilder" ist die Verwandlung von Materie in Lichtenergie. In diesen Bildern heben sich die blau-grünen Fließfäden im Vordergrund auf durch eine scheinbare explodierende Farbenergie in Rot und Gelb im Bildhintergrund, die als Lichtquelle in der Bildmitte, die Leinwand aus der Tiefe illuminiert.

Die bereits oben erwähnten "Figurationen" oder "Kopfvariationen" stellen das dritte Standbein der Motivik von Bernhard Merkert neben Landschaften und Energiebildern dar. Starke, kontrastreiche Farbwerte, überwiegend den Primärfarben entlehnt, in flächige Anordnung und abgegrenzt durch expressive, meist schwarze Umrißlinien kennzeichnen die Figurationen. In dieser expressiven Farbstruktur werden blockhaft, große Menschengruppen deutlich, aus denen sich einzelne Figuren schemenhaft ausgrenzen. Partiell bleiben sie immer mit dem Hintergrund, der Landschaft verschmolzen. Wie bei den Naturdarstellungen entstehen die Figuren spontan aus dem Malvorgang heraus und durch den gestischen Farbauftrag des Malers werden sich überlagernde Bewegungsabläufe deutlich. Inhaltlich geht es dem Künstler Merkert um die Darstellung von dynamischer Bewegung und damit um die Metapher der Auflösung des Individuum in einer anonymen Menge.

Der zunehmende Verlust an Identität bei stärker werdender Globalisierung der moderner Welt sowie ein instabiles Gleichgewicht unter den Nationalitäten werden hier thematisiert.

Abschließend läßt sich sagen, daß zwar jedes einzelne Bild eine ganz persönliche Umsetzung des Künstlers Bernhard Merkert ist, er jedoch Wert darauf legt, daß die Arbeiten offen bleiben, damit der einzelne Betrachter seine eigenen Sehgewohnheiten und Erfahrungen mit einbringen kann.

Petra Kirsch, Kunsthistorikerin M.A.
Baden-Baden

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